Die Fischerei kann nur eine Zukunft haben, wenn sie sich technisch modern und geschäftlich breit aufstellt – das sagt Dr. Tobias Lasner. Er forscht am Thünen-Institut für Seefischerei zum Strukturwandel in der Fischerei. Wie er die Zukunft für die Krabbenfischerei sieht.

Herr Lasner, die Krabbenfischerei ist in einer schwierigen Situation: Diesel ist teuer, die Kutter sind alt, die Fangmengen waren in den vergangenen Jahren oft niedrig und Umweltverbände fordern fischereifreie Gebiete. Wenn Sie Krabbenfischer wären – was würden Sie tun? 

Ich empfehle den Fischern auf verschiedene Standbeine zu setzen – und sich ein Stück weit unabhängig von der Fischerei zu machen. Ausbau und Vermietung von Ferienwohnungen können ein Weg sein. Oder die Fischer im Hafen tun sich zusammen und gründen zusammen einen Betrieb. Ein Restaurant oder ein genossenschaftlicher Fischereiladen oder eine Aquakultur zum Beispiel. Weg vom reinen Fischfang, hin zu einer kapitalgesellschaftlich oder genossenschaftlich getragenen Fischwirtschaft. In diese Richtung würde ich langfristig denken. Aber ich bin kein Unternehmer und muss keine Risikoentscheidungen treffen, kann klug daherreden. Die Fischer kennen ihre Märkte am besten. Gewohnte Pfade zu verlassen, ist oft schwer. Die Zeichen der Zeit stehen aber so, dass ein Verbleiben auf alten Pfaden vermutlich die riskanteste Option wäre.

Wie gut kann die Direktvermarktung bei Krabben funktionieren? Touristen mögen Krabbenfleisch – aber wie viele Krabben in Schale lassen sich tatsächlich verkaufen?

Natürlich hat Direktvermarktung eine Grenze und man darf auch den Aufwand nicht unterschätzen. Dazu braucht es Zeit, Geld und Personal, um die Infrastruktur für die Vermarktung aufzubauen. Aber warum nicht den Touristen zeigen, wie das Pulen funktioniert? Warum das Sortiment nicht um die beliebte geräucherte Forelle aus dem norddeutschen Hinterland ergänzen? Das wird stellenweise schon gemacht und sollte weiterverfolgt werden. Die Direktvermarktung wird das Geschäftsergebnis nicht retten, aber wichtig ist, nicht mehr zu 100 Prozent vom Großhandel abhängig zu sein. 

Die Nordsee wird wärmer und neue Arten wandern ein. Welche Arten können für die Krabbenfischer interessant sein?

Chancen bieten zum Beispiel der Hummer und der Taschenkrebs, der quasi als Nebenprodukt zum Hummer gefangen wird. Auch der Wolfsbarsch könnte spannend werden oder die Scholle wieder eine Option sein, gerade wenn ich die direkt an lokale Restaurants zu einem heimischen Premiumpreis verkaufen kann. Wichtig ist zu schauen, was ich vor Ort vermarkten kann, ob es schon lokale Wertschöpfungsketten gibt oder ob ich die aufbauen kann. Letzteres ist der schwierige Weg.

Was ist mit Kalmaren, die inzwischen in der Nordsee auftauchen?

Ja, in der Nordsee gibt es bereits Betriebe, die auf Kalmare fischen. Die Saison ist sehr kurz, dafür ist die Art hochpreisig – das lohnt sich. Die Krabbenfischer können im Moment keine Kalmare fischen, weil die Kutter eigentlich zu klein sind, um soweit raus zu fahren. Deshalb ist es wichtig, bei modernen Fahrzeugen wie im Kutterprojekt KuNo von Anfang an auch die Fischerei auf neue Arten mitzudenken. Das wirklich Spannende an der Fischerei ist, dass sich alles ändern kann. Kein Mensch weiß mit Sicherheit, welche Arten wir in 15 Jahren in der Nordsee bewirtschaften und gut vermarkten können. Es wäre gut, wenn wir technisch flexibler werden. Deshalb ist die Entwicklung von neuen, vielseitig einsetzbaren Kuttern so wichtig.

Änderungen im Betrieb erfordern immer auch Investitionen. Die Rücklagen der Krabbenfischer sind aber aufgebraucht. Wie sollen sie die Investitionen wuppen?

Wenn sich die Flotte jetzt um ein Drittel verkleinert, geht der Fischereidruck zurück. Das birgt Chancen für die verbliebenen Fischer. Und dann würde ich zunächst schauen, was sich günstig anschieben lässt. Ausprobieren! Das Innovationsprogramm Krabbenfischerei bietet hier tolle Möglichkeiten für neue Fanggeräte. Aber vor allem: sich zusammenschließen und gucken, was andere so machen. Aus meiner eigenen Erfahrung weiß ich: Von Exkursionen kommst Du immer schlauer zurück. Auch in der Wissenschaft arbeiten wir international zusammen und lernen viel voneinander.

Wie schätzen Sie die öffentliche Wahrnehmung der Branche ein? 

In den Medien sind zwei Themen zentral: die Branche ist in der Krise und die Fischerei gilt als Umweltsünderin. Bei der Umweltdebatte werden alle Fischereien oft in einen Topf geworfen – obwohl sie extrem unterschiedlich arbeiten und beispielsweise ihre Auswirkungen auf den Meeresboden sehr unterschiedlich sind. Das Thema Dauerkrise spiegelt sicherlich die Sorgen der Branche wider, verschärft aber auch den Fachkräftemangel. Aber wir sehen auch Unterstützung für die Branche – etwa die Windenergie-auf-See-Gelder, die 2025 abgeschlossene Zukunftskommission der Bundesregierung, die neugeschaffene Informations- und Koordinierungsstelle Transformation Fischerei oder das starke Engagement vieler Politiker*innen und anderer Menschen an der Küste. Und es entstehen gute Dinge. Nehmen wir das Projekt Lernorte Fischerei. Das ist ein Projekt der Universität Vechta, wo Schülerinnen und Schüler für die Fischerei begeistert werden. Zum Programm gehören Kutterfahrten, Hafenrallyes oder auch Wettbewerbe. Das kann ein Weg sein, über die Fischerei als Naturberuf aufzuklären und Nachwuchs zu finden. Ein ganz tolles Projekt!

 

Foto: Thünen/Brückner

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