Das Krabbenpulen soll revolutioniert werden – weg von der Handarbeit hin zur Maschine. Wenn die Ultraschall-Technik effizient funktioniert, könnte das die Direktvermarktung der Fischer entscheidend stärken. Welche wirtschaftlichen Chancen das bietet, rechnet das Thünen-Institut durch.

An der Nordsee sorgen sich viele um die Existenz der Krabbenfischerei. Geringe Fänge, sprunghaft gestiegene Kosten, kaum Rücklagen: Der wirtschaftliche Druck ist für viele Fischer hoch. Wissenschaftlerin Melina Niemann analysiert die Situation. Sie arbeitet am Thünen-Institut für Seefischerei, das ein Forschungsprojekt zum Bau einer neuen Krabbenpulmaschine leitet. Ihr Job ist es, ökonomische Daten zu den Familienbetrieben zu sammeln. Diese Daten sind wichtig, um vor Ort kluge Vermarktungsstrukturen aufzubauen, wenn der erste Prototyp der Maschine eines Tages fertig ist.

Die Gewinne sind zu niedrig in der Fischerei

Drei Modellbetriebe typischer Krabbenkutter hat sie für das Forschungsprojekt skizziert – von klein über mittel bis groß. Für diese Betriebe hat sie auf Basis der Erfahrungen von Fischern und Experten Daten wie Betriebsmittel, Kapital, Einnahmen und Ausgaben zusammengestellt – die in der Theorie modellierten Betriebe könnte es in der Realität genau so geben. Nach Auswertung aller Zahlen kommt Melina Niemann zu dem gleichen Schluss wie die Fischer: „Die Gewinnspanne schwankt enorm und ist in einigen Jahren auch kritisch.“ Die sogenannte EBIT-Marge – das ist eine Kennzahl, die den operativen Gewinn ins Verhältnis zum Umsatz setzt – liegt bei den Modellbetrieben für 2022 vorläufig zwischen minus drei und acht Prozent. „Acht Prozent ist ein sehr gutes Ergebnis für einen Krabbenfischereibetrieb. Aber die Gewinne schwanken extrem“, sagt die Wissenschaftlerin: Gut ist es, wenn die Fischer mindestens vier, besser fünf Prozent erreichen. Vor allem sollte das jedes Jahr der Fall sein."

Wenn Krabben direkt verkauft werden, könnten die Gewinne steigen

Das Problem der Fischer sind die hohen Kosten – etwa für Diesel, Personal, Schiffsreparaturen, Versicherungen oder Hafengebühren. Die können die Fischer nicht weitergeben, sie haben kaum Einfluss auf die Preisbildung. Direkt verkaufen können sie ihre Ware nicht, denn Krabbenfleisch steht an der Nordsee zwar hoch im Kurs, ungepulte Krabben finden aber kaum Absatz. Die Fischer sind abhängig vom Großhandel: Ende der Woche teilen ihnen die Händler mit, wie viel Geld sie für ihre Fänge bekommen. Wenn aber die Pulmaschine das Schälen übernimmt, könnten die Fischer ihre Ware vermehrt direkt an Touristen, Restaurants und Feinkostgeschäfte verkaufen – und die Preise für diese Absatzgruppe selbst festlegen. „Eine eigene Vermarktung bringt für die Krabbenfischer die Chance, profitabler zu arbeiten und Rücklagen für Investitionen zu bilden“, sagt Melina Niemann. 

Wie könnten neue Vermarktungsstrukturen aussehen? Als nächsten Schritt rechnen die Forschenden verschiedene Szenarien durch. Eine Variante: die Fischer installieren eine Pulmaschine im Mirkowellenformat auf den Kuttern und verkaufen ihre Fänge direkt nach der Fangreise im Hafen. Eine andere Variante sind Schälzentren in den Häfen, die das Pulen und den Verkauf vor Ort übernehmen. Insgesamt wollen die Forschenden vier verschiedene Möglichkeiten durchkalkulieren: „Im Moment wären solche Berechnungen aber noch ein Blick in die Glaskugel“, sagt Melina Niemann. Zwar funktioniert das Ultraschallverfahren grundsätzlich, aber viele Fragen sind offen: Wie viel Strom verbraucht die Maschine? Welche Maschinengrößen sind wirtschaftlich? Wie viele Krabben schafft die Technik pro Stunde? Diese Daten sind die Grundlage für die verschiedenen Szenarien. Erst wenn diese Daten vorliegen, kann berechnet werden, wie viel die Pulmaschinen im Betrieb kosten und wie viel Personal für eine Vermarktung vor Ort notwendig ist.

Das Pfund der Fischer: Nordseegarnelen sind heiß geliebte Delikatesse

An den norddeutschen Häfen werden die Forschungsergebnisse mit Spannung erwartet. Für die Fischer sind neue Vermarktungswege die Chance, ökonomisch mehr aus dem roten Gold der Nordsee zu machen. Ein ganz entscheidendes Pfund haben die Fischer auf der Habenseite: Nordseegarnelen sind absolut einzigartig. Ihr festes, nussiges Fleisch ist begehrt und an den Fischbuden der Nordsee konkurrenzlos. Und das ist wohl die entscheidende Voraussetzung für die Zukunft der Nordseefischerei. 

JoomlaMan